Inklusion hautnah: Diskussion bei Personalversammlung der Unfallkasse

Das Thema Inklusion stellte die Unfallkasse Rheinland-Pfalz in den Mittelpunkt ihrer jüngsten Personalversammlung. Beschäftigte mit und ohne Behinderung sowie ein querschnittsgelähmter Versicherter tauschten sich in einer Podiumsdiskussion darüber aus, inwieweit Inklusion in unserer Gesellschaft „angekommen“ ist.

Silke Büsch dolmetscht das mit Alexander Würker in Gebärdensprache geführte Gespräch.

Es geht um Inklusion und Barrierefreiheit, um die volle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen – im gesellschaftlichen Leben und beruflichen Alltag, sprich mitten im Leben“, umschrieb Jörg Zervas, stellvertretender Leiter der Abteilung Rehabilitation und Entschädigung, die Ziele der jüngsten Personalversammlung. Die Arbeitsgruppe, die sich innerhalb der Unfallkasse mit dem Aktionsplan der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) beschäftigt, hatte die Podiumsdiskussion initiiert, um möglichst viele Kolleginnen und Kollegen zu sensibilisieren.

„Wir möchten gemeinsam neue Wege finden und das Bewusstsein für die Umsetzung der UN-BRK schärfen“, so Zervas. „Was bedeutet Inklusion überhaupt?“ Dieser Frage ging Dirk Nittenwilm, Vertrauensperson der schwer behinderten Menschen in der Unfallkasse, nach. „Die Gesellschaft akzeptiert jeden Menschen in seiner Individualität. Alle haben die Möglichkeit, in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, betonte Nittenwilm. Dass dies im alltäglichen Leben für Menschen mit Behinderung alles andere als selbstverständlich ist, machte die anschließende Podiumsdiskussion deutlich, an der sich Beschäftigte mit und ohne Behinderung beteiligten. Als Gast war der Versicherte Joachim Meurer in der Runde, der als 18-Jähriger verunglückte und seitdem im Rollstuhl sitzt. Meurer, Vater zweier Kinder, bewegt sich mitten im Leben. „Ich bin weder krank noch unfähig, selbst zu sprechen. Dennoch gibt es auch heute Situationen, in denen meine Frau über meinen Kopf hinweg auf mich angesprochen wird. Da kommen Fragen wie: ‚Kann er das denn auch?‘“, be- richtete er. Andererseits begegneten ihm immer wieder Menschen, die ihn fragten, ob er Hilfe benötige. Viele seien im Umgang mit behinderten Menschen unsicher. „Letztlich geht es darum, den Schalter in den Köpfen umzulegen. Inklusion beginnt mit den kleinen Dingen im Leben, etwa mit der persönlichen Ansprache. Wichtig ist für mich zum Beispiel, dass ich nicht mit ‚Rollstuhlfahrer Meurer‘, sondern ‚Herr Meurer‘ angesprochen werde. Die Betonung liegt somit auf mir als Person.“

Während Meurers Behinderung auf den ersten Blick zu erkennen ist, hat der gehörlose Alexander Würker mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Man sieht ihm seine Behinderung nicht an. Für ihn sind die Verständigung und Kommunikation mit anderen Menschen ein Problem. Das machte der Beschäftigte der Unfallkasse mithilfe von Silke Büsch, Übersetzerin für Gebärdensprache, deutlich. Ihre Darstellungen ermöglichten zwar die Kommunikation aller Beteiligten innerhalb der Personalversammlung. Im Alltag von Alexander Würker herrschen jedoch häufig Sprachlosigkeit und Missverständnisse. „Stellen Sie sich vor, Sie sind an einem Samstag in der Koblenzer Innenstadt unterwegs, sehen all die Menschen und Autos, hören jedoch keine Geräusche. Sie möchten in der Bäckerei ein Brötchen kaufen und man versteht sie einfach nicht“, übersetzte Silke Büsch.

„Ich versuche es dann mit: Sprechen Sie langsamer! Bitte können Sie mir das aufschreiben? Das alles ist für mich sehr anstrengend. Ich ziehe mich zurück“, erzählte der Gehörlose.

Die Schilderungen Würkers und Meurers vermittelten den Beschäftigten der Unfallkasse hautnah und unverblümt, mit welchen Barrieren Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben. „Das kann man sich als Nicht-Betroffener gar nicht vorstellen“, war die Resonanz der Beschäftigten.

Ebenfalls für viele unvorstellbar: die Vielzahl von körperlichen und geistigen Behinderungen, über die Klaudia Engels, Leiterin der Abteilung Rehabilitation und Entschädigung und Moderatorin der Diskussionsrunde, berichtete. Sie ist Mitglied im rheinland-pfälzischen Behindertenbeirat und erzählte von den zahlreichen unterschiedlichen Behinderungen und Schwierigkeiten der Menschen im Beirat.

„Man ist nicht behindert, man wird behindert“, betonte Andreas Hacker, Leiter der Abteilung Prävention. „Wir brauchen Menschen mit Behinderung als Berater an unserer Seite, als Experten in eigener Sache.“

Die Reaktionen der Beschäftigten auf die Diskussion machten deutlich, wie wichtig die persönliche Begegnung ist, um zu sensibilisieren. Dies unterstrich auch Beate Eggert, Geschäftsführerin der Unfallkasse Rheinland-Pfalz: „Es geht darum, zu berühren und die Herzen zu erreichen.“ In diesem Sinne sind auch Aktionen mit dem rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur sowie mit der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz (ADD) in Arbeit: Die Unfallkasse unterstützt

unter anderem das Projekt „Jugend trainiert für Paralympics“ und plant mit Ministerium und ADD weitere Inklusions-Aktivitäten für Schulsport und Schule.

Wie sehr die Personalversammlung die Beschäftigten bewegte, machte der sehr persönliche Bericht in der Personalinformation der dualen Studentin Annika Bast deutlich. „Ich + Du = Wir“; so lautete der Titel ihres Beitrags. Dazu stellte sie gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Magnus Müller und Alexander Würker eine Fotoserie vor. „Kein Mensch kann seine Behinderung allein bewältigen. Es muss ein gemeinsames Projekt der Gesellschaft sein“, waren sich die drei einig.

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